Unter Geiern
trend 08/2008
Trendsport. Segelflieger gelten als eine etwas merkwürdige Spezies
der Luftfahrt. Jetzt steuern Gleitfluglobbyisten dem Image als
schräge Vögel entgegen. Mit Erfolg - die Szene gerät wieder in
Aufwind.

Klaus Kamolz
Klaus Kamolz
Segelfluglehrer Steiner (oben), der Autor als Beiflieger
Im Grunde ist Segelfliegen relativ einfach erklärt: Wer da oben in
der Luft, allein in einem winzigen Cockpit und angewiesen auf gute
Thermik, also aufsteigende warme Luft, alles richtig machen will,
sucht die Nähe von Vögeln. Wer schon alles richtig macht, der wird
selbst von großen Gleitvögeln gesucht.

„Adler sind ein tolles Indiz“, sagt etwa Hellmut Longin,
Ex-Vorstandschef der RHI AG und leidenschaftlicher Segelflieger seit
seiner Jugend, „man kann hinter ihnen herfliegen und findet die
besten Aufwinde.“ Einmal begleitete er eine ganze Familie, bestehend
aus Eltern und Jungtier, drei Stunden lang und konnte dabei das satte
Gelb in ihren Augen sehen.

Viktor Steiner, Inhaber eines Grazer Maler- und
Restaurierungsunternehmens, kriegt, wie er verklärt erzählt, „heute
noch eine Gänsehaut“, wenn er an seinen Rundflug in einem aus Holz
und Leinen bestehenden Oldtimer-Flugzeug denkt: „Plötzlich taucht ein
Geier auf, sieht gelangweilt zu mir herüber und fliegt neben mir
her.“ Wo, zum Geier, dachte Steiner, kommt dieser Geier her? Der
Segelfluglehrer muss jedenfalls perfekt in der Luft gelegen sein, wie
seine Frau Michaela, mehrfache Staatsmeisterin im unmotorisierten
Gleitflug, weiß: „Wenn so ein Vogel sich zu dir gesellt, weißt du,
dass gerade alles optimal läuft.“

Segelfliegen ist angewandte Bionik pur. In keiner anderen Sportart
ist es möglich, derart naturgetreu angeborene Flugfähigkeit zu
simulieren und - sofern die richtigen Winde wehen - ohne Treibstoff
so lange in der Luft zu verharren wie beispielsweise ein Kondor in
den Anden. Ein Trendsport, wie er im Buche steht, würde man vermuten.
Wer hegt ihn schließlich nicht, den Traum vom Fliegen?

In Wahrheit ist das Volk der Segelflieger aber eine recht kleine
und exklusive Gemeinde. Gerade 4200 gültige Lizenzen gibt es derzeit
in Österreich; etwa 700 Flugzeuge sind zugelassen; sie starten und
landen auf 30 Segelflugplätzen. Lange Zeit sank die Zahl der
Flugscheinbesitzer sogar. Segelfliegen galt als eine Art
Altherrensport, der typische Pilot als schräger Vogel, der die
Einsamkeit sucht. Jüngere Menschen schreckte das eher ab. Nun aber
will die Szene sich ein zeitgemäßeres Image verpassen. „Der
Turnaround ist geschafft“, sagt Michael Gaisbacher, Leiter der
Sektion Segelflug beim Österreichischen Aeroclub, einer Art ÖAMTC der
Zivilluftfahrt. „Wir haben realisiert, dass wir selbst aktiv werden
müssen, denn im Unterschied zu anderen Sportarten haben wir keine
Industrie hinter uns, die den Trend befeuert.“

Da freut es den Gleitfluglobbyisten besonders, dass der noble
Men’s-Wear-Multi Dunhill seine aktuelle Sommerkollektion auf einem
Segelflugplatz fotografieren ließ - mit Jude Law als Model.Nur allzu
gut kann Gaisbacher sich daran erinnern, was Julius Meinl IV. einmal
zu ihm sagte: „Segelflieger? Sind das nicht diese schlecht
gekleideten Leute, die den ganzen Tag am Flugplatz herumstehen und
irgendetwas reparieren?“

Damit soll nun Schluss sein. Gaisbacher, Chef einer steirischen
Werbeagentur, produzierte im vergangenen Jahr einen rasanten Spot
über „the power of nature“ beim Fliegen mit einem Soundtrack von Fat
Boy Slim und stellte ihn via YouTube ins Netz; bisherige Views:
immerhin fast 35.000. Die Aeroclub-Funktionäre touren mit einem
Flugsimulator durch Cineplexx-Center und vergessen dabei nicht zu
erwähnen, dass Segelfliegen, anders als man vermuten könnte, ein - im
Vergleich zum Erlebnisfaktor - überraschend wohlfeiles Hobby ist.
Gerade 1500 Euro kostet die Ausbildung; den Flugschein gibt es
bereits ab dem Alter von 16 Jahren.

Freilich, ein schrilles Outdoor-Vergnügen wie Bungee-Jumping oder
Extrem-Parcouring wird Segelfliegen wohl nie werden. Wenn Piloten
stundenlang allein in ihren Fliegern dahingleiten, hat das eher
kontemplativen Charakter. „Nach einer Woche Arbeit“, erklärt
Ex-Staatsmeisterin Michaela Steiner, eine von nur etwa 50 Pilotinnen
in Österreich, ihre Motive, „werfe ich mein Lebenspackerl im Hangar
ins Eck und geh fliegen.“ Totales Abschalten vom Berufsleben ist
dabei garantiert. Michael Gaisbacher: „Wenn du mit 90
Stundenkilometern einen Berghang entlangfliegst, hast du keine Zeit,
über deine Steuererklärung nachzudenken.“

Denn ganz ungefährlich ist die Fliegerei ohne Motor nicht. „Das
liegt vor allem daran, dass sich Segelfliegen in den Alpen oft in
Bodennähe abspielt“, sagt Ludwig Starkl, langjähriger Wettkampfpilot
und Mitglied der gleichnamigen Großgärtnerdynastie. Auch er hat
bereits - mit glimpflichem Ausgang - „ein Flugzeug zerlegt“. Wann das
war, wird er nie vergessen: “1978, am Tag von Cordoba.“

Hangflüge gehören zu den häufigsten Unfallursachen, denn eine Bö
kann die filigranen Fluggeräte blitzartig um bis zu 50 Meter
versetzen. Neue Technologien wie das GPS-basierte Warnsystem FLARM
bieten seit Kurzem immerhin besseren Schutz gegen ein früher nicht
unbeträchtliches Risiko: Kollisionen in der Luft. Im langjährigen
Schnitt, so Gaisbacher, gibt es im deutschsprachigen Raum jährlich
etwa 20 Abstürze, fünf davon enden tödlich. Ex-Justizminister Dieter
Böhmdorfer, der im Alter von 15 zu fliegen begann, lässt sich davon
bis heute - „wegen des faszinierenden Naturerlebnisses“ - nicht
abschrecken: „Ich behaupte, dass man den Sport relativ gefahrlos
betreiben kann, wenn man sich nicht überschätzt.“

Wer in die Szene eintaucht, erlebt jedenfalls eine Gemeinde mit
Humor, aber auch Selbstironie.

Flugplatz Turnau in der Steiermark. Ein gutes Dutzend Segelflieger
ist am frühen Vormittag bereits aufgestellt, um sich von einem
Motorflugzeug am Seil in tausend Meter Höhe schleppen zu lassen, wo
die Piloten sich ausklinken. Viktor Steiner antwortet knapp und
eindeutig auf die Frage, womit er sein Gerät steuert: „Mit dem
Hintern natürlich.“ Er kann auch plausibel erklären, warum das so
ist. Nur ein paar Zentimeter trennen nämlich im Cockpit das Gesäß von
der Luft, die da draußen schwirrt: „Im Sitzen spürt man am besten,
dass etwas passiert, das man nicht selbst bewirkt. Ich fühle mich mal
schwerer und mal leichter, ich ertaste sozusagen die Aufwinde mit dem
Hintern. Erst dann reagiere ich mit den Fußpedalen und dem
Steuerknüppel.“

Steiner gibt per Funk seine Wünsche an das Schleppflugzeug
bekannt: “1200 Meter bitte.“ Die Piloten kommunizieren, im Gegensatz
zu den Motorfliegern, wie ganz normale Leute mit Bodenhaftung. Sie
messen die Höhe in Metern, die Geschwindigkeit in Stundenkilometern,
die Strecken in Kilometern. Auf die Strecken vor allem kommt es an.
Streckenflug ist die meistverbreitete Disziplin; es geht darum,
möglichst weit, aber auch wieder zurückzukommen. Außenlandungen sind
gefährlich - und auch ziemlich peinlich. Wer mit Auto und Anhänger
von einer Kuhwiese, auf der es um Himmels willen keine Zäune geben
sollte, abgeholt werden muss, ist verpflichtet, alle Helfer zum Essen
einzuladen.

In einer immer währenden Meisterschaft versuchen Streckenflieger,
einander zu übertrumpfen. Sie reichen ihre Flugdaten - heute sind es
GPS-Protokolle, früher waren es Luftaufnahmen von markanten
Landschaftspunkten, wobei eine Tragfläche ins Bild ragen musste - bei
www.streckenflug.at ein. Wer tausend Kilometer schafft, gehört schon
zur Elite. Auch darin unterscheiden sich Segelflieger von ihren
motorisierten Verwandten. „Die fliegen oft von A nach B, trinken dort
einen Kaffee und fliegen wieder nach A“, sagt Pilot Starkl. „Bei uns
zählt vor allem der Leistungsgedanke.“

Dafür werden die Segelflieger von nicht Eingeweihten recht oft
wegen ihrer merkwürdigen Flugtechnik belächelt. Warum sie so oft das
tun, was Niki Lauda in seinem Boliden irgendwann zu blöd wurde,
nämlich einfach zu kreisen, ist Beobachtern am Boden oft nicht klar.
Sie kurbeln, wie es im Fachjargon heißt, schrauben sich in günstiger
Thermik hoch, um dann im sinkenden Gleitflug Meter zu gewinnen, bis
die nächste Kurbelei fällig ist.

Dazu sind Kenntnisse in Meteorologie und Aerodynamik erforderlich,
die bisweilen die Sicht auf die gesamte Umwelt nachhaltig
beeinflussen. „Ich bin einmal auf dem Markusplatz in Venedig
gestanden“, erzählt Michael Gaisbacher, „und habe nur die Möwen
beobachtet, die mit den Flügeln im Vorhaltewinkel am Dogenpalast
entlanggeflogen sind.“ Segelflieger, fügt der Aeroclub-Funktionär
schmunzelnd hinzu, nehmen sogar alte Westernfilme anders war: „Jeder
normale Mensch würde seinen Blick auf John Wayne richten. Wir sind
eher an den spektakulären texanischen Wolkenformationen über ihm
interessiert, denn Wolken sind wichtige Indikatoren für die Thermik.“

Mittlerweile hat Viktor Steiner viel versprechende Aufwinde
gefunden. Der zweisitzige Kunststoffvogel schafft drei Höhenmeter pro
Sekunde, und schon bald ist er nicht der einzige Flieger, der nahe
Turnau über dem bekannten Wirtshaus Steirereck auf dem Pogusch
kreist. Plötzlich knarzt das Funkgerät, und einer der Piloten über
dem Pogusch lockt auch noch die entferntesten Kollegen mit einem
überzeugenden Argument herbei: „Kommts alle her, die Fritteuse vom
Steirereck macht eine tolle Thermik.“ l




 
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