Für eine Hand voll Mondgestein
ZEIT Wissen, Nr.3/2005
Amerikanische Astronauten brachten kiloweise Steine vom Mond mit. Diese sind bis heute Objekte der Begierde für Forscher - und Kriminelle. Text: Klaus Kamolz

Astronaut Harrison Schmitt sammelt Mondsteine
Illustration: Nasa
Das Meer der Ruhe trägt seinen Namen zu Recht. Kein Windhauch bewegt seine Oberfläche, kein Ton schallt über den Boden. Und das seit vielen Millionen Jahren. Dem Mare Tranquillitatis, wie die trostlose Mondlandschaft genannt wird, fehlt es an Atmosphäre; zu dünn ist die Gasschicht, die den Erdtrabanten umgibt, um Sturm und Lärm über das Land zu tragen. Stille überall. Bis zum 20. Juli 1969. Als Neil Armstrong und Edwin Aldrin im Landemodul der Apollo 11 dem Mond entgegen sinken, wirbeln sie eine Menge Staub auf. Grau behindert er die Sicht auf eine geeignete Landestelle. Nur hin und wieder lichtet sich der Schleier. Wenig später betritt der erste Mensch den Mond. Vorsichtig bohrt Armstrong - der historische Satz von den kleinen und großen Schritten ist bereits gesagt - die Spitze seiner Moonboots in den Sand und meldet nach Houston: "Das ist alles sehr fein hier. Ich kann den Staub mit den Zehen bewegen." Weit weg auf der Erde wogt eine Welle der Erleichterung durch die Mission Control. Unbemannte Expeditionen haben zuvor die feinsandige Konsistenz der Mondoberfläche nachgewiesen, deshalb hatte die Nasa Angst, der erste Mann auf dem Mond könnte dort oben versinken wie im Treibsand. Dann ordnet die Mission Control an: Steine sammeln. Es ist die wichtigste Instruktion in der Anfangsphase des Mondaufenthaltes. Nicht auszudenken, wenn technische Probleme Armstrong zwingen würden, sofort ins Landemodul zurückzukehren - ohne ein Körnchen vom Mond. "Okay, ich versuche gleich, hier einen Stein aufzuheben. Nein, lieber gleich ein paar", sagt Armstrong. Etwas später betritt auch Aldrin den Mond und mimt den Amateurgeologen. " Oh, ein Biotit, aber eine genaue Analyse überlasse ich lieber den Experten." Nach zweieinhalb Stunden auf dem Mond kehren die beiden Astronauten ins Landemodul zurück. Sie haben die erste von sechs Lieferungen Mondgestein im Sack - 21,7 von insgesamt 382 Kilogramm, die sechs erfolgreiche Apollo-Expeditionen insgesamt zur Erde schaffen werden. Aber das ist nicht alles.

In den feinen Poren ihrer Mondanzüge, in den winzigen Ritzen ihrer geologischen Geräte und selbst in den haarkleinen Spalten der Mondkamera schleppen Armstrong und Aldrin eine Menge Mondpulver mit auf die Erde. Niemand denkt im Sommer 1969 an die Gefahren, die die mikroskopisch kleinen Partikel bergen. Erst 1972 lenkt ein Vorfall während der letzten Apollo-Mission die Aufmerksamkeit der Nasa-Leute auf den Staub. Apollo-17-Astronaut Jack Schmitt ist gerade von einem Mondspaziergang zurückgekehrt. Als er seinen Helm abnimmt, vernimmt er einen strengen Geruch nach "explodiertem Schießpulver", wie er sich später erinnert. Seine Nasenschleimhäute schwellen an; er muss niesen - und berichtet seinem Kollegen Eugene Cernan, er habe gerade einen Anfall von "lunarem Heuschnupfen". Zwar weiß die Nasa spätestens seit diesem Zeitpunkt, dass der Staub tückisch ist, aber sie kümmert sich jahrzehntelang kaum um das Problem; schließlich steht keine Rückkehr zum Mond in Aussicht.

Ende März 2005, Sunnyvale, Kalifornien. Toxikologen, Astrobiologen und Geologen treffen sich zu einem Nasa-Workshop. Das Thema: Die biologischen Auswirkungen des Mondstaubs. Das Treffen ist eine Art Auftakt zum Project Dust, in dem die Nasa in den kommenden Jahren jede Facette des Mondstaubproblems akribisch erforschen will. "Staub ist das größte Umweltproblem auf dem Mond", sagt Apollo-Veteran Jack Schmitt in Sunnyvale und erzählt noch einmal seine damals so lustige Heuschnupfengeschichte. Erstmals offenbaren Experten in geballter Form die Risiken jener Partikel, die auf dem Mond herumliegen und einen Durchmesser von einem Fünftel eines Menschenhaars haben. So genannte Agglutinate, Mineralien, die es auf Erden gar nicht gibt, haben "messerscharfe Kanten, die wie Widerhaken hervorstehen", berichtet der Astrobiologe David McKay. Sie könnten tiefer in die Lunge gelangen als jede andere Staubsubstanz und dort hervorrufen, was früher unter Bergarbeitern und in Steinbrüchen als Staublunge berüchtigt war.

Würde jemals eine Mondbasis errichtet, so müsse alles getan werden, um die Bewohner vor den Quarz-, Glas- und Agglutinatsplittern zu schützen. Duschen, schlägt McKay deshalb vor, oder elektrostatische Staubentfernung. Gary Lofgren, der Chefkurator des Lunar Sample Laboratory in Houston, der Hauptlagerstätte der Apollo- Mondsteine, will künftige Ausrüstung konsequent am Staubproblem ausrichten, nicht so wie früher: "Die Raumanzüge und alles andere waren damals eigentlich völlig unbrauchbar." Doch gerade dieser Umstand hat Personen, die Zugang zur Ausrüstung der Astronauten hatten, oft viel Geld gebracht. Wie eine feine Linie Kokain kratzten sie die Körner aus den winzigen Ritzen und Spalten, portionierten sie - und bieten sie nach wie vor feil.

Im Sommer 1969 öffnet der Nasa-Fotograf Terry Slezak eine Filmrolle, die Armstrong auf dem Mond belichtet hat, und spürt in der Dunkelheit des Labors feinen grauen Staub an seinen Fingern.

Der erste Mann auf dem Mond hatte seine Kamera fallen lassen. Jetzt nur nicht niesen! Slezak löst die Prise, die gerade den Boden eines Fingerhuts bedeckt, aus den Ritzen und fixiert sie auf einem 30 Zentimeter langen Klebeband; dann löst er das Etikett von der Filmrolle, fotografiert seine staubigen Hände und bastelt aus alldem eine Collage. Zweiunddreißig Jahre später - endlich im Ruhestand - lässt er sie versteigern. Ein deutscher Weltraumsouvenirhändler schlägt bei 25 000 Dollar zu. "Slezak hat den Staub gestohlen", sagt Lofgren unerbittlich. "Hätte er noch während seiner aktiven Zeit versucht, das Zeug zu verkaufen, wäre er ins Gefängnis gegangen." Staub und Steine vom Mond sind kostbare Symbole. Die Geschichten, die sich um sie ranken, sind Geschichten vom wechselhaften Zeitgeist des 20. Jahrhunderts. Sie handeln vom Kalten Krieg, in dem die US-Regierung mit den grauen Felsen den Triumph über ihre kommunistischen Gegner belegt. Sie enthüllen auch, wie der Mond in den Himmel gekommen ist. Und sie lassen nachvollziehen, wie in den Jahrzehnten nach Apollo die 382 Kilo Gestein zur heißen Ware wurden. 382 Kilo - so viel hat in einer Baggerschaufel Platz, und vielleicht gibt es allein in den Safes der Manhattaner Upper East Side mehr Brillanten. Aber nichts ist so viel wert wie ein Körnchen Mondstein. Festgestellt wurde das allerdings erst nach einem dreisten Coup.

Es ist der 13. Juli 2002. Die Nacht hat sich über das Johnson Space Center (JSC) im Süden von Texas gelegt. Die Mitarbeiter mit ihren Mundschutzbändern, Plastikhaarnetzen und weißen Mänteln haben die seltsam keimfrei riechenden Gänge längst verlassen.

90 Prozent der 382 Kilo Mondgestein lagern hier in den Stickstofftanks des luftdicht abgeschlossenen Lunar Sample Laboratory. Diese Bestände verraten einiges über das Alter und die Entstehung des Mondes, allerdings nur, solange das Gestein strikt von der Erdatmosphäre abgeschirmt bleibt. Gelangt ein Körnchen ungeschützt an die frische Luft, wird es von den Wissenschaftlern degradiert. Irdisch kontaminierte Mondsteine gelten als wertlos für die Forschung. Sie werden nie wieder für Experimente benutzt, bleiben aber offiziell "nationaler Schatz" und sind somit gesetzlich davor geschützt, jemals in Privateigentum zu gelangen.

Nur ein paar Mal piepsen in dieser Nacht in Houston die elektronischen Türsperren. Ein Code wird eingetippt, ein Mann und zwei Frauen, alle etwa Mitte zwanzig, schieben einen Rollwagen mit einem Safe zur Rampe hinter dem Gebäude, wo ein Jeep Cherokee steht, laden auf und verlassen das Gelände.

Im Zimmer eines Hotels im nahgelegenen Clear Lake öffnen Thad Roberts, Tiffany Brooke Fowler und Shae Lynn Saur - Praktikanten der Nasa mit Zutrittsberechtigung ins Mondsteinarchiv - den Tresor.

Er enthält Krümel eines Marsmeteoriten, historische Unterlagen von Astronauten - und 101,5 Gramm garantiert echtes Mondgestein, zerschnitten in 53 kleine Brocken. Die Nasa bemerkt den Diebstahl erst zwei Tage später.

Thad Roberts hat den Coup lange geplant. Schon Monate vor dem Diebstahl bietet er im Internet "kostbare Mondsteine aus der einzigen Privatsammlung der Welt" an - unter dem falschen Namen "Orb Robinson". Ein belgischer Händler aus Antwerpen zeigt Interesse, traut aber der Sache nicht. Er fragt in Houston nach, ob es so eine Privatsammlung überhaupt gebe. Die Nasa kann sich das zunächst nicht erklären. Erst nach der Entdeckung des Diebstahls wird klar, um welche Ware es sich bei dem Angebot handeln muss. Der Belgier verhandelt zum Schein für das FBI mit den Anbietern, die bloß zwischen tausend und fünftausend Dollar pro Gramm verlangen, verdächtig wenig.

Neun Tage nach dem Houston-Coup soll der Handel stattfinden. Roberts und seine Komplizen betreten ein Fast-Food-Restaurant beim Flughafen von Miami, um den Käufer zu treffen; die Mondsteine lagern im nahen Hotel. Dann klicken die Handschellen.

Im August 2003 taucht im Prozess, an dessen Ende Roberts zu acht Jahren und vier Monaten verurteilt werden wird, die Frage auf: Was sind die Steine nun wirklich wert? Das Gericht muss eine Schadenssumme ermitteln; ohne sie kann es kein Urteil geben. Aber es gibt nur wenige Anhaltspunkte, denn der Handel mit Mondsteinen ist untersagt und spielt sich, wenn schon nicht deutlich illegal, so doch immer in einem dubiosen Graubereich ab. Die amerikanischen Gesetze besagen, dass jeder Mondstein aus einer Apollo-Mission, auch wenn er einer Person überreicht wird, amerikanischer Staatsbesitz bleibt. Das gilt selbst für die Männer, die den Mond erobert haben. Im Herbst 2000 stimmt der Senat in Washington auf Anregung eines republikanischen Senators dafür, den Astronauten - und in manchen Fällen ihren Hinterbliebenen - ein kleines Stück Mond zu überreichen. Einzige Bedingung: Erlischt die direkte Erblinie des Beschenkten, ist der Stein zurückzugeben.

Die Nasa ist entschieden dagegen. Die - selbstverständlich längst degradierten - Mondsteine seien bereits bröselig und könnten kaputtgehen, klagt Chefkurator Gary Lofgren. Und wer garantiert, dass nicht doch einer der Beschenkten in Versuchung gerät, für ein paar Dollar mehr? Vor kurzem hat sich Lofgren durchgesetzt: Keine Steine für die Astronauten, sie dürfen bloß aussuchen, in welcher öffentlichen Institution der Stein in ihrem Namen ausgestellt wird.

Gerüchte, dass sich Nasa-Mitarbeiter und Astronauten, ohne groß zu fragen, ein Stück eingesteckt haben, hat es immer gegeben. Edward Aldrin, der zweite Mann auf dem Mond, soll einen Krümel neben den Brillanten am Ehering seiner Frau platziert haben. Er dementiert entschieden. Alan Bean, Veteran der Apollo 12, ist sogar offiziell Besitzer von Teilen seiner Ausrüstung. Aus dem Raumanzug kratzt er Mondstaubreste und mischt sie in die Acrylfarben, mit denen er verklärende Bilder von der Eroberung des Mondes malt. Bean, heute 73, sagt, er habe noch genug Staub und hoffe, "alles zu Lebzeiten verbrauchen zu können". Bis zu 70 000 Dollar kosten seine Gemälde. Die Nasa duldet Beans Mondvermarktung still; der Mann ist schließlich ein Nationalheld.

Ansonsten agiert Houston jedoch rigid. Wo immer - selten genug zwar - Mondsteine auftauchen, betreibt die Nasa ihre Beschlagnahmung. Ist diese nicht möglich, zweifelt sie zumindest lautstark die Echtheit der Exponate an, um die Geschäfte zu hintertreiben. "In den meisten Fällen", sagt Gary Lofgren, "ist das Zeug nicht einmal ansatzweise Mondgestein. Die Leute zermahlen irgendetwas, meistens Lavabrocken von einem Vulkan, und sind mit dem Schwindel manchmal sogar erfolgreich." Das winzige Körnchen, das 1993 bei Sotheby's für 442 000 Dollar versteigert wird - der Grammpreis beträgt 2,2 Millionen Dollar -, ist allerdings echt. Es entstammt der insgesamt 300 Gramm schweren Ausbeute zweier unbemannter Sowjetsonden.

Für das Gericht in Orlando ist das kein Maßstab. Ein anderer muss her. Wie teuer war es, die Brocken zur Erde zu bringen? Legt man den Berechnungen den Dollarkurs des Jahres 1973 zugrunde, so kostete der Transport von einem Gramm 50 800 Dollar. Roberts und Co. stahlen demnach Mond für 5,15 Millionen Dollar, heute wären das 21,2 Millionen Dollar.

Als US-Präsident John F. Kennedy am 25. Mai 1961 nach dem Gagarin-Schock öffentlich eine amerikanische Landung auf dem Mond noch in den 60er Jahren fordert, bereitet das den Weltraumexperten einiges Kopfzerbrechen. Sie betrachten die Mondsteine, die mit einer solchen Mission zur Erde gelangen würden, als Sicherheitsrisiko für die gesamte Menschheit. " Ein Transport zerstörerischer außerirdischer Organismen in die irdische Biosphäre ", warnen Biologen der University of Iowa 1962, "könnte zur Katastrophe ausarten." Was zählt ein Sieg gegen die dunklen Mächte des Kommunismus, wenn seine Folge die Auslöschung der Menschheit wäre? Die Experten fordern von der Nasa, die sich dieses Problems noch nicht ausreichend bewusst zu sein scheint, die Entwicklung effizienter Quarantänemaßnahmen für Mannschaft, Gerät und Gestein: "Absolut rigide bakterielle und chemische Isolation". Jahrelang währt die Diskussion; die Entwicklung und Konstruktion eines absolut dichten Empfangslabors für die Mondheimkehrer und ihre Ausbeute ist in den Augen der Nasa nur ein lästiger Budgetposten.

Das Lunar Receiving Laboratory kostet schließlich ungefähr 50 Millionen Dollar und wird nur nach der ersten Mission ausführlich genutzt. Wenige Tage nach der Landung von Apollo 11 wagen sich die Nasa-Leute an die Öffnung der Proben-Container. Poröse, an die erstarrte Lava irdischer Vulkane erinnernde Brocken kommen zum Vorschein. " Alles grau. Es gab nur diese eine Farbe: Grau", erinnert sich später der Nasa-Techniker Jack Warren, der die erste Aluminiumbox mit Steinen geöffnet hatte. " Ich war ziemlich enttäuscht." Den Tausenden, die im September 1969 einen kleinen Teil der Ladung in der Smithsonian Institution in Washington betrachteten, ging es ähnlich. " Sieht aus wie jeder Stein", zitierte die Washington Daily News die Reaktionen.

Immerhin ergeben erste Analysen, dass sich keine mikroskopisch kleinen Körperfresser in den Ritzen versteckt halten. Die Steine sind tot; das ist die erste wichtige Erkenntnis eines nun einsetzenden jahrzehntelangen Forschungsprozesses. Jetzt kann auch Präsident Richard Nixon gefahrlos seinen Triumph auskosten. Schon Wochen vor der Mondlandung hatte das Weiße Haus die Nasa beauftragt, geeignete Präsentationsmethoden zu entwickeln, um 120 Staatschefs ein Mondsteinchen überreichen zu können. In der Nasa verbreitet sich daraufhin das Gerücht, Nixon wünsche die Herstellung von lunaren Briefbeschwerern. Der Geologe Elbert King protestiert: "Hier soll unbezahlbares wissenschaftliches Material in politische Trophäen aufgeschnitten werden." Zehn Proben zu je einem Gramm will die Nasa herausrücken, doch Nixon kann und will nicht mehr zurück. Voreilig hat er zahlreichen Regierungen, auch Gegnern im Kalten Krieg und undemokratischen Regimes, bereits eine Probe versprochen. 135 Proben zu je ungefähr einem Gramm setzt Nixon in den nächsten Jahren durch, in der Nasa treten reihenweise Wissenschaftler von ihren Posten zurück. Sie fühlen sich Jahrzehnte später in ihrer Kritik bestätigt.

Immer wieder verschwinden Steine in politischen Wirren.

Nicolae Ceausescus Mondkorn landet neun Jahre nach der Revolution auf einer mysteriösen Auktion, wo sich seine Spur verliert. Der Stein von Honduras, in Kunststoff gegossen und an einer Plakette fixiert, tritt eine abenteuerliche Reise an. Schon bald verschwindet er aus dem Präsidentenpalast und taucht erst Mitte der 90er Jahre wieder auf. Ein amerikanischer Fruchtsafthändler erwirbt ihn zum Schnäppchenpreis von 50 000 Dollar von einem honduranischen Oberst und lässt ihn analysieren. Die 1,142 Gramm schwere Probe, teilt die Harvard University mit, stammt vermutlich vom Mondstein mit der Nasa-Kennzahl 70017 und lag etwa 2,9 Milliarden Jahre im lunaren Taurus-Littrow-Tal, bevor sie Apollo 17 zur Erde brachte. Das Analytische Labor der Smithsonian Institution schreibt ungewöhnlich salopp: "Nun, sieht ganz so aus, als hätten Sie einen Mondstein!" Statt der fünf Millionen Dollar, die er verlangt, erwarten den Safthändler Handschellen. Er tappt in eine Routinefalle der Nasa, die wieder einmal verschwundene Mondpartikel einsammeln möchte. In einem Restaurant in Miami Beach zeigen vermeintliche Interessenten plötzlich ihre FBI-Plaketten. Der Stein wird Honduras in einer Zeremonie ein zweites Mal überreicht.

Ende September 1969 braust ein völlig überladener Truck in die Orocopia Mountains in der Wüste Südkaliforniens. Im Wagen sitzen James Lovell und Fred Haise, die auserwählte Mondlandecrew von Apollo 13, und John Young und Charles Duke, die beiden Reservisten, die später mit Apollo 16 zum Mond fliegen. Der kalifornische Geologe Lee Silver chauffiert. Er soll den Astronauten geologische Grundkenntnisse für die Feldarbeit auf dem Mond vermitteln, und er tut es auf seine eigene Art. Das Büffeln von Fachbegriffen, in den frühen 60er Jahren die meistgehasste Lektion für angehende Monderoberer, hält Silver für entbehrlich. " Sie brauchen keinen Jargon", beschließt er, "sie brauchen Gefühl für die Umgebung, dann finden sie auch interessante Proben." Steine spielen nach den ersten beiden Missionen eine immer wichtigere Rolle. Jetzt, da Amerika weiß, wie man zum Mond und wieder zurück fliegt, rückt die Analyse des Trabanten in den Vordergrund.

Die Nasa wird wissenschaftlich anspruchsvoller. Es muss doch noch mehr da oben geben: andere geologische Formationen, andere Farben als dieses ewige Grau, Felsbrocken mit mehr Aussagekraft über das Alter des Mondes und seine Entstehung. Auch in der Auswahl der Landeplätze zeigt die Nasa Mut zum Risiko. Nicht mehr flache, sondern geologisch auffällige Stellen werden ab Apollo 15 auserkoren. Als die Apollo-Chefs beim letzten Mondflug 1972 einem Geologen den Vortritt gegenüber einem versierten Piloten geben wollen, hagelt es Kritik. Auch Sicherheitsfanatiker in den eigenen Reihen argumentieren, es sei "leichter, einem Piloten beizubringen, Steine aufzuheben, als einem Geologen, auf dem Mond zu landen". Dennoch: Harrison "Jack" Schmitt, der Geologe, fliegt.

Silver und seine Schüler, zu denen später auch die Teams von Apollo 14 und 15 gehören, haben in der kalifornischen Wüste keine Zelte dabei. Sie übernachten in Schlafsäcken unter freiem Himmel. Frühmorgens schickt "der Professor", wie die Mondpiloten Silver nennen, sie auf die Suche nach außergewöhnlichen Proben. Ein einsamer Baum fungiert im Spiel als Landemodul; zu ihm müssen die Männer zwischendurch immer wieder zurückkehren und die Steine dort ablegen. Am Abend beim Lagerfeuer bespricht Silver die Funde.

Die Mühe macht sich bezahlt. Am 1. August 1971 finden David Scott und James Irwin in den Hadley- Apenninen den faustgroßen Genesis- Stein. Der Fels, das wissen die Forscher mittlerweile, ist vermutlich 4,5 Milliarden Jahre alt und stammt aus der Frühgeschichte des Mondes. Seine Zusammensetzung erhärtet die Theorie von der großen Kollision, aus der der Mond entstanden ist. Demnach schlug ein marsgroßer Himmelskörper auf der Erde ein.

Die gewaltigen Massen, die dadurch hochwirbelten, vereinten sich anschließend zum Mond.

"Genesis" ist ein Star unter den 2200 Mondsteinen. Jeder einzelne trägt eine Proben-Nummer und verfügt sowohl über ein ausführliches geologisches Dossier als auch einen Kosenamen. " Big Muley" ist mit 11,7 Kilogramm der größte, "Goodwill Rock" der symbolischste; von ihm stammt ein Großteil der Staatsgeschenke.

In mehr als 97 000 Teile haben die Nasa-Wissenschaftler im 1979 fertig gestellten Lunar Sample Laboratory in Houston die Apollo- Ausbeute mittlerweile zerlegt. Was an Splittern und Staub anfällt, wird für Anstrengungen verwendet, den Mond bewohnbar zu machen.

Aus einer Kaffeetasse voll Staub versuchen Bautechniker in den 80er Jahren, lunaren Beton für eine permanente Mondbasis herzustellen. Das erfreuliche Ergebnis: Mondstaub ist aufgrund seiner hohen Dichte sogar besser geeignet als jedes irdische Baumaterial. Als Gartenerde jedoch ist er gänzlich unbrauchbar. Erstens verklumpt er, mit Wasser begossen, sofort zu einem zähen Teig, den kein Sojakeimling durchdringen kann. Zweitens fehlen dem Staub die notwendigen Mineralstoffe. Für eine Mondplantage müsste also reichlich sauerstoffhaltiger Dünger eingeflogen werden.

Die Experimente der Sorte Haus und Garten sind nicht viel mehr als ernst gemeinte Spielereien. Sie illustrieren aber die zeitweilige Ratlosigkeit der Nasa im Umgang mit dem Mondgestein. Die chemischen und geologischen Analysen sind Ende der 80er Jahre weitgehend abgeschlossen. " Von da an wussten wir ziemlich genau, was wir auf die Erde geholt hatten", sagt Lofgren. Immerhin, neue Technologien ermöglichen immer wieder neue Untersuchungen an den gleichen Steinen. Isotopen-Untersuchungen helfen heute dabei, neben dem Alter einer Probe auch die Dauer bestimmter Phasen der Entstehung unseres Sonnensystems zu bestimmen. Anfang der 90er Jahre rückt deshalb die vergleichende Planetologie in den Vordergrund. Weil der Mond keine Atmosphäre besitzt, gelangen Weltraumpartikel auf seine Oberfläche, die den Eintritt in die Erdatmosphäre nie überstanden hätten. Alles bekannt?

Lofgren glaubt freilich, dass wir noch immer ziemlich wenig über den Mond wissen. Von seinem verfügbaren Gestein auf die geologische Gesamtstruktur des Mondes zu schließen, sagt er, "käme einer Bodenbestimmung der Erde auf Basis des Sandes in der Sahara gleich".

Es bleibt also etwas zu tun, und seit George W. Bush Anfang 2004 eine Rückkehr zum Mond in Aussicht gestellt hat, geht wieder ein Ruck durch die Nasa. Und um eine zweite Phase der Monderoberung zu finanzieren, kann sich Gary Lofgren, der Hüter des Schatzes von Houston, sogar vorstellen, von bisher unerschütterlichen Dogmen abzurücken. "Auch die Raumfahrt", weiß er, "wird sich künftig kommerzieller orientieren." Zu guter Letzt also doch Mondsteine als Preziose für irdische Sammler? " Ich will darüber noch nicht spekulieren, aber ich halte solche Strategien zumindest für möglich." Immerhin, was könnte private Unternehmen mehr motivieren, Nasa-Projekte zu unterstützen als Gegenleistungen in Gestalt der wertvollsten Substanz, die derzeit auf Erden zu finden ist?