Shoppen
Kolumne, erschienen in der Monatszeitschrift DATUM im Jahr 2005
Vier Geschichten über die wundersame Vielfalt des Einkaufens - vom Seehundfell zur Wurstsemmel, vom Landhaus in Panoramalage bis zum Flohmarktkrimskrams im Burgtheater ..

Shoppen II
Insekten
Wer weiß, wo ich Grannen aus dem sommerlichen Rückenfell des Yak bekommen kann? Solche aus dem winterlichen hab ich schon. Wo finde ich Federn vom indischen Dschungelhahn? Geld spielt keine Rolle. Hält jemand einen Seehund? Ich brauche ein wenig von seiner dichten Unterwolle, vorzugsweise bauchseitig. Keine Sorge, man muss die Tiere dazu nicht abmurksen. Ich lebe in Symbiose mit dem Zwergkaninchen meines Sohnes. Ich striegle es mit einer weichen Bürste - es liebt diese Behandlung - und erhalte dafür feines Haar, das ich aus den Borsten zupfe. Warum? Weil sich aus der hellbraunen, um einen Haken gewickelten Kaninchenwolle ein perfekter Abdomen für Larven der Köcherfliegengattung Hydropsyche formen lässt.

Also raus damit: Ich bin Fliegenfischer, gehöre also jener seltsamen Unterart des angelnden Homo sapiens an, dem bisher nur in Robert Redfords Film "Aus der Mitte entspringt ein Fluss" ein bisschen Aufmerksamkeit zuteil wurde. Man kann sagen, ich bin so etwas Ähnliches wie Brad Pitt. Jetzt rein, was die Leidenschaft betrifft. Naja, die Leidenschaft fürs Fliegenfischen zumindest.

Und es ist wie überall im Leben: Keiner schenkt uns Fliegenfischern was. Deshalb bezeichnet der harte Kern der Gemeinde Golf wahrscheinlich zu Recht als einen Sport, den man sich wenigstens leisten kann. Wir Fliegenfischer sind hingegen der Weltraumindustrie dankbar dafür, dass sie für viel Geld im All Kohlefaserstoffe testete, aus denen jetzt unsere 800-Euro-Angeln hergestellt werden, für deren Einsatz in blitzsauberen Gebirgsbächen wir mittlerweile horrende Wetfees, also Angellizenzen, zahlen. Vor allem aber sind wir so eine Art entomologische Frankensteins. Wir schaffen Insekten, denen wir, an der Leine zupfend, Leben einhauchen.

Material für Insekten muss man kaufen. Ich bestreite den Unterhalt einiger Fachhändler - zum Beispiel mit dem Erwerb von Federn vom Arsch der Enten, die Kunstfliegen am Absinken hindern. Warum können Enten schwimmen? Wegen ihrer Arschfedern. Wieder was gelernt.

Die große Herausforderung für uns Fliegenfischer besteht allerdings darin, der Artenvielfalt und den Lebensstadien unserer sechsbeinigen Freunde gerecht zu werden. Es gibt Larven, schlüpfende Puppen, beim Schlüpfen verunglückte Puppen, geschlüpfte Insekten, die gerade von der Wasseroberfläche abheben, geschlüpfte Insekten, die das nicht schaffen, Ei ablegende Insekten, beim Ei ablegen verunglückte Insekten, erschöpfte Insekten, die noch zucken, Insekten, die nicht mehr zucken. Das alles muss erst einmal in Form von Rohmaterial gekauft und dann verarbeitet werden.

Ich habe mich lange gefragt, ob Fliegen mit seltenen Federn und Fellen zu basteln, um damit Forellen zu überlisten, nicht ein wenig seltsam ist und begann, nach Gleich Gesinnten zu fahnden. Dann entdeckte ich das Buch eines Fanatiker-Kollegen - und war beruhigt. Auch Robert Hughes, der Kunstkritiker der "New York Times", bekennt sich zu uns. Noch Fragen? Etwa solcher Art, wie sie mir ein golfender Bekannter unlängst stellte? Wie viel Fisch ich um das Geld, das ich für Kängurufell, Straußenfedern oder - wenn ich Glück habe und ein Zoo meinen Händler beliefert - Grannen verblichener Paviane (gut für Schwänzchen bestimmter Eintagsfliegenarten) ausgebe, kaufen könnte? Ich habe ihn bloß gefragt, warum er den Ball eigentlich nicht ins Loch trägt.


Shoppen III
Panoramalage
Ich glaube, ich habe an dieser Stelle schon einmal erwähnt, dass ich nicht der Mateschitz bin und mir daher auch keine Südseeinseln kaufe. Ich habe nicht einmal ein Landhaus, was in meinem wochenendnomadisierenden Umfeld zunehmend exotisch wirkt.

Wir sind in unserer Familie spontan; das heißt, wir kaufen uns Landhausidylle auf Zeit - zum Beispiel in Kroatien, das derzeit so hip ist, dass ein Gutsbesitzer in der Toskana beschämt zu Boden blicken sollte. Wir shoppen uns durch Kataloge und Internetseiten, wir spitzen die Ohren, wenn jemand von seinem Urlaub in der Einöde erzählt - und schlagen zu.

Beispielsweise bei diesem herrlichen Anwesen in Istrien mit Panoramablick über die Kvarner Bucht, deren Küste angeblich längst in der Hand österreichischer Haubenköche, Banker und sonstiger Prominenter ist, die in der finanziellen Panoramalage sind, Kompromisse zwischen Südseeinseln und Leihlandhäusern zu schließen.

Ich kann sagen: Es war wunderbar, und ich habe nebenbei auch eine neue Sprache gelernt, zwar leider nicht kroatisch, dafür aber landhausdeutsch.

Panoramalage beispielsweise heißt, dass ein Haus sich am Ende einer drei Kilometer langen, in engen Serpentinen steil nach oben führenden Schotterstraße befindet, deren Breite ziemlich genau mit den Außenseiten der Wagenreifen übereinstimmt. Auf einer Seite geht es 90 Grad nach oben, auf der anderen Seite...

Interessant wird diese Konstellation aber erst, wenn du an den Strand runter willst und dir in der Kurve der Zisternenwagen entgegen kommt, der frisches Wasser für die kommende Woche bringt. Schiebt er zurück oder du?

Ich sollte vielleicht noch erwähnen, dass wir unseren Wagen nach der Ankunft und dem Entladen zum Parken zwei Kurven bergab bugsieren mussten. Ich übernahm den Job, und hätte ich nicht kurz vor unserer Ankunft im Nachbarort die ersten - sensationellen - Kaisergranaten des Urlaubs entschärft, wozu halt ein paar Gläser Malvasia gehören, so hätte das Experiment, unser Auto zu einer Briefwaage umzufunktionieren, vielleicht nie geklappt. Jedenfalls hing der linke Hinterreifen nach ein paar Metern im Rückwärtsgang elegant über einem Eineinhalb-Meter-Abgrund, was dazu führte, dass die Landung einer Libelle auf der Motorhaube den Wagen in sanftes Wippen versetzte. Wir hatten nach einer Stunde genügend Steine beisammen, um dem Reifen wieder festen Boden zu verschaffen. Was das für mich bedeutete? Es ging glimpflich aus: Fahrverbot in die Panoramalage, mehr Malvasia ohne Risiko.

Wir urlauben natürlich nicht nur in Kroatien, sondern lieben es manchmal auch einfacher und fahren in die Toskana, natürlich nur mit Panoramalage - durch Fahrrinnen im Schotterweg vom Ausmaß zweier Alpentäler in ein wunderbares Steinhaus, dessen zwei Etagen wir uns mit einer netten Hornissenfamilie teilten, sie oben wir unten. Auch dort mussten wir den Wagen wenden, um etwa in der Macelleria Falorni Täubchen zum Grillen zu holen und auf dem Rückweg noch ein paar Flaschen Chianti im Elternhaus der Mona Lisa. In diesem Fall gab es aber vor der prächtigen Nachbarvilla ein kleines Stück Wiese. Ich musste nur an den Retourgang denken, da kam der Verwalter gelaufen, um mir in einem aus Ehrfurcht und Hass abgemischten Tonfall zu erklären, dass das Anwesen der italienischen Starjournalistin Oriana Fallaci gehört, die jeden durch Sonne und Mond klagt, der es wagt, ihrer Panoramalage auch nur ein Hälmchen zu krümmen . Es stellte sich also die Frage: Schon wieder Briefwagennummer oder diesmal Guantanamo?

Denn schlagartig wurde mir klar: Bei dem, was die Fallaci neuerdings so publiziert, muss irgendwann ein Moslem in ihrem Vorgarten gewendet haben.


Shoppen IV
Wurstsemmeln
Weil wir schon so lange frei sind und auch unser Wirtschaftswunder erleben durften, dass uns Wohlstand satt gebracht hat, feiern wir heuer den Mangel, indem wir Vieh auf dem Heldenplatz halten und in Sonderausstellungen Lebensmittelkarten bestaunen. Sehr intellektuelle Menschen haben uns all die Erinnerungen an die Zeit bis 1955 beschert und sie "25 pieces" genannt. Ich vermute allerdings, dass es ein sechsundzwanzigstes Stück gibt, das im geheimen gegeben wird - eine stille Abmachung zwischen den Erinnerungsaktionisten und den WurstverkäuferInnen, die uns heuer verstärkt ermahnen wollen, nicht undankbar und hoffärtig mit dem Luxusgut Wurstsemmel umzugehen. Immer häufiger ernte ich nämlich ungläubiges Staunen, schiefe Blicke, ja sogar offene Kritik, wenn ich es wage, mir Gebäck mit zehn Deka Einlage kaufen zu wollen; vorzugsweise Beinschinken. Ich finde nämlich nichts dabei, in eine Semmel zehn Deka Schinken zu füllen, um dann mit ihr auf dem Weg zu einem Termin dem "Multitasking" zu frönen, also gleichzeitig zu speisen, die Strecke zu bewältigen und die anstehenden Agenda noch einmal im Kopf durchzugehen. Es findet ja auch niemand etwas am Quarterpounder, den sie in Paris übrigens Royal mit Käse nennen. Und ein Quarterpounder beinhaltet bitte schön elfeinhalb Deka Fleisch. Aber ein Quarterpounder hat nichts mit uns zu tun, während eine österreichische Wurstsemmel identitätsstiftend genug ist, um in den Krallen des Bundesadlers gehalten zu werden.

Deshalb behaupte ich jetzt einfach, dass die hartnäckige Weigerung, mir Semmeln nach meiner Facon auszuhändigen, mit der jüngeren österreichischen Geschichte zu tun hat und nicht, wie auch behauptet werden könnte, mit der berechtigten Sorge des Feinkostpersonals um meine Gesundheit. Sonst müssten diese Leute nämlich jeden Kunden händeringend vor dem Griff in die meisten Supermarktregale bewahren Wenn ich also Sätze höre wie "Zehn Deka? In eine Semmel?" oder "Ist das nicht ein bisschen viel?" oder "Na, Sie müssen aber schon lange nichts mehr zu essen bekommen haben", fühle ich mich wie im Land der Erbsen und Bohnen."Ich zahl ja eh", sage ich dann mürrisch; einmal habe ich schon Vorauskasse angeboten. Nützen tut das alles nichts. Als würden sie sich versündigen, legen sie die Wurst auf die Waage - fünf Deka, sechs, sieben, neun komma zwei. Dann ist Schluß. Mehr gibt`s nicht.

Habe ich recht mit meiner zeithistorischen österreichischen Wurstsemmeltheorie? Ich bin durch verschiedene Erlebnisse hin und her gerissen. Eindrucksvoll hat mich zum Beispiel vor wenigen Wochen eine ältere Verkäuferin in einem Wiener Supermarkt zum Festhalten an meinen Thesen ermuntert: "Zehn Deka? Bei uns hat`s überhaupt nur am Sonntag ein Fleisch gegeben." Worte einer WURSTVERKÄUFERIN!

Dann aber fuhr ich dienstlich nach Schottland und betrat in Inverness den besten Feinkostladen in Vorfreude auf ein Sandwich mit zehn Deka Yorkshire-Schinken und dem Wissen um die stabile jüngere Geschichte des Landes. Ein sehr netter junger Mann säbelte etwa acht Deka Schinken auf die Waage, dann sagte er: "Das wollen Sie alles in ein Sandwich? Ist das nicht ein bisschen viel, mein Herr?" Das war zuviel.

"Nun ja, mag sein", sagte ich so unheilschwanger ruhig wie Robert de Niro, wenn er Italiener spielt, die wissen, was sie wollen, "aber wissen Sie, ich wohne in dem tiefen dunklen See südlich der Stadt, und der Hunger hat mich hierher getrieben, und wenn Sie mir nicht zehn Deka Schinken in mein Sandwich geben, dann muss ich leider Sie fressen, mit Haut und Haar."

Wir mussten lachen. Und dann, dann fiel ganz matt noch ein letztes Blatt vom Schinken auf die Waage. Zehn Deka! Man muss sie nur wirklich wollen.

Gibt`s eigentlich Ungeheuer im Neusiedlersee?


Shoppen V
"Spielzeug"
Neulich betrete ich das Kinderzimmer, ich weiß nicht mehr in welcher Stimmung, aber es ist irgendwie anders. Ich sehe, was da alles ist - normalerweise ist es ja besser, wenn man ein Kinderzimmer betritt, nicht zu sehen, was da alles ist, nämlich immer von allem zuviel - und während ich um mich blicke, verwandle ich mich in einen Archäologen der Kindheit meines siebenjährigen Sohnes. Auf dem Kleiderkasten verstauben Indianerkronen, in 17 Plastikboxen entdecke ich auf den ersten Blick - ohne zu wühlen - Spielzeugburgen, Brio-Bahnteile, Kreisel, Bagger, Bälle, Spritzpistolen, Krampusmasken, Aufblas-Nemos, Kübel, Schaufeln, Siebe, Furzkissen und Lachsäcke, drei Plastikschwerter stecken im Karton neben dem Riesenkübel, der mit Überraschungseierkram gefüllt ist, und auf dem Wandregal stieren gigantische Affen, Bären und Hunden aus Stoff ins Leere. Nichts davon deutet auf einen verwöhnten Beckham-Sprößling hin; vieles könnte auch aus dem Ein-Euro-Laden stammen; es ist nur leider ziemlich reichlich vorhanden - und ziemlich überflüssig geworden. Zu manchen Dingen erscheint vor meinem geistigen Auge jener einzige Moment, in dem er sich mit ihnen beschäftigte. Trotzdem: schöne Erinnerungen. So war das also früher, denke ich mir, als Felix, unser Siebenjähriger, noch ein Kind war und mir fällt sein Gesichtsausdruck ein, als er vor ein paar Wochen zum Geburtstag ein paar kleine Matchbox-Autos geschenkt bekam. Ein kleines Missgeschick, nachdem meine Frau und ich den anfragenden Geburtstagsgratulanten immer wieder das Mantra "Alles, nur kein Spielzeug" entgegen gemurmelt hatten. Eine Zumutung eigentlich, könnte man uns jetzt unterstellen. Denn woher nehmen wir erstens das Recht, unserem Nachwuchs auf eine so heimtückische Art Spielzeug vorzuenthalten, und in welches schwarze Ideenloch stürzen wir alle, die das Kind glücklich machen wollen und kein Spielzeug schenken sollen? Ich halte dem nur drei Fragen entgegen, die unser Sohn uns in letzter Zeit entgegen gekreischt hat:

"Hat jemand vielleicht mein Taschenmesser gesehen?"

"Ist mein Judo-Anzug gewaschen?"

"Darf ich mir deinen iPod ausborgen?"

Und was sage ich darauf? Etwas ziemlich Blödes: "Ja, aber pass auf damit, das ist kein Spielzeug." Ach so? Seit wann?

Ich bin noch heute meinem Bruder für seine Beharrlichkeit dankbar, mit der er meine Bedenken, dem jungen Herrn ein paar Golfschläger zu schenken, in den Wind geschlagen hat. Felix hat sie trotzdem bekommen: einen Putter und ein Siebener Eisen; immerhin ein Anfang. Und die Begeisterung, mit der er sie - vorwiegend auf dem Minigolfplatz - benutzt, hat mich endlich dazu bewogen, auf die Suche nach einer Kinderwathose zu gehen, damit er, wenn er mit mir fischen geht, nicht blöd am Ufer stehen bleiben und sich von mir ankeifen lassen muss: "Es rinnt dir gleich in die Stiefel!!!"

Alle 19 Google-Ergebnisse für Kinderwathosen habe ich durchtelefoniert, ein Händler hatte noch irgendwo eine in Größe 34. Ich habe ihn gebeten, sie festzuhalten, bis er sie zur Post trägt. Und dann ist sie gerade noch rechtzeitig angekommen. Sie ist wunderschön. Dinge für Erwachsene haben in Kindergrößen einen ganz besonderen Reiz.

Kurz darauf stehen wir trockenen Fußes mitten im Fluss, die Erlauf reicht ihm fast bis zur Brust, und die ist vor Stolz so geschwellt, wie ich sie noch nie zuvor gesehen habe. "Jetzt sind wir beide die Wathosler", sagt er. Wir fangen schnell eine Forelle und ich begreife die Relativität des Begriffs Spielzeug. Ob seine Hose jetzt kein Spielzeug mehr ist oder meine sehr wohl noch immer eines, ist reine Ansichtssache.

Ach ja, und wegen Weihnachten: Wir sagen dem Christkind vielleicht besser jetzt schon, dass ein 18-Grad-Rescue, mit dem man schwierige Bälle flach und weit aus dem Rough bringt, nicht schlecht wäre. Den in Kindergröße aufzutreiben, ist wahrscheinlich nicht so einfach.


Shoppen VI
Flohmarkt
Neulich las ich irgendwo, dass Flohmärkte in Zeiten wie diesen eine Renaissance als ernst zu nehmender Zweig der alternativen Ökonomie feiern. e-bay, hieß es, habe im Verbund mit der Wirtschaftsflaute dem Produkt aus zweiter Hand zu einer Imagepolitur verholfen, und in Deutschland gebe es jetzt sogar ein Buch über Flohmärkte, dass Hartz IV-Betroffene gegen Vorlage ihres ALG II-Bescheides für nur fünf Euro erwerben können; es handle sich dabei natürlich um Mängelexemplare. Ehrlich gesagt, ich hatte gehofft, dass der ganze Flohmarktzinnober schön langsam am Verebben sei.

Immerhin brachte mich die Nachricht vom konjunkturbedingten Comeback der Ramschökonomie dazu, über mein Verhältnis zu Flohmärkten im Wandel der Zeit nachzudenken. Ich gestehe ohne Umschweife: Auch ich war einmal ein großer Sympathisant jener voll gestopften Plätze, auf denen sich muffige Altkleidung zu Bergen türmt, an denen zerschlissene Ölschinken lehnen. Ich war in Paris und in Barcelona auf dem Flohmarkt, in Brüssel, Rom und New York. Flohmarkt gehörte einfach dazu, und bisweilen waren das recht nette Märkte. Ich war im ersten Moment auch happy über so manches Schnäppchen, das ich nach Hause schleppte. Das ist, weiß ich heute, ein trügerisches Gefühl, denn eines der Hauptmotive, einen Flohmarkt zu besuchen, ist in den studentischen Sturm- und Trankjahren das Hinausschieben des Heimweges. Flohmärkte sind die Standgerichte der Nachtschwärmer. Ich weiß das, seit ich in Wien einmal neben einem fast meterlangen Plastikhummer aus dem Dekorationsfundus der Nordsee-Kette aufwachte und der Hunderter für die letzten Studententage dieses Monats aus meiner Brieftasche verschwunden war. Drei Wohnungen lang habe ich ihn mit geschleppt, bis ich die Kraft aufgebracht habe, ihn zu entsorgen.

Unsere geheimsten Wünsche beim Besuch eines Flohmarktes sind jedoch, gestehen wir es uns doch ruhig, ganz andere: Einmal bei einem Kunstbanausen unter all dem Krempel dieses Bild mit den komisch gemalten Sonnenblumen zu finden, die der Künstler eigentlich mit viel zu viel Farbe auf die Leinwand gespachtelt hat. Oder in einem kaputten Tonbandgerät den verknitterten Plastikstreifen, auf dem eingeritzt ist, wie einer sagt: "Okay, John, let`s make it better next time", und Paul dann nur meint "No, let it be". Nein, nein, das ist schon lange nicht mehr, auch wenn die Reiseführer einen das ständig glauben machen. Flohmärkte sind Lotterien für Wegwerfmuffel, bei denen die Veranstalter längst gründlich dafür gesorgt haben, dass es keinen Sechser gibt.

Auch ich vergesse das gelegentlich noch, aber oft passiert mir das nicht mehr - vor allem, seit ich meinem siebenjährigen Sohn unlängst vorschlug, den Sonntag mit einem Besuch des Flohmarktes am Tag der offenen Tür im Burgtheater zu verbringen. Ganz abgesehen davon, dass diese Institution, die sich mit der dort dargebotenen Kunst als Gegengewicht zu Strukturverkrustung und Obrigkeitsdenken im Land versteht, die Gäste in Warteschlangen zwängte, sie ohne Zählkarten sogar am Betreten des Zuschauerraumes hinderte und letztlich den ganzen Tag über drei technische Führungen für je 40 Personen anbot, war der Flohmarkt ein üppiger Nährboden für all meine ungerechten, unromantischen, herzlosen und das Flair urbaner Folklore negierenden Vorurteile. Mit anderen Worten: Ich war mir inmitten all der unappetitlichen und zerrissenen Maskenreste, der kitschigen Kaffeehäferln und der Altkleider sicher, dass selbst all das, was ich für unwürdig erachte, einmal meinem Nachlass anzugehören, interessanter, brauchbarer und besser erhalten ist. Wir erwarben, um nicht mit leeren Händen nach Hause zu gehen, eine Entenlocktröte und zwei Zwanzig-Milliliter-Tuben Theaterblut.

"War`s schön?", fragte ich meinen Sohn, der Flohmärkte - noch - liebt und seit Tagen damit beschäftigt ist, Spielzeug für einen eigenen Stand auszusortieren und mit Preisen zu versehen. Und er antwortete: "Soll ich ehrlich sein? Nein."

Klaus Kamolz