Steife Ohren
"profil" Nr. 19/05, 09. Mai 2005
Audioerotik. Die Pornoindustrie entdeckt den Hörbuch-Markt - und macht damit zunehmend gute Geschäfte.

Hörporno-Produktion des Vorarlbergers Markus Baur
Es geht gleich zur Sache, wie immer in dieser Branche: zwischen der hungrigen Anwältin und dem Pizzaboy, den Singles im Jumbo-Jet, dem Skilehrer und den ausgelassenen Power-Busenfreundinnen. Mit laszivem Geraune fängt es an, dann stehen erste Beulen in den Jeans zur Diskussion, und die Akteure werden eine Zeit lang nicht müde zu betonen, für wie versaut sie einander halten. Der Höhepunkt, auch nicht überraschend: haltloses Stöhnen.

Bloß: Die Bilder sind aus dem Akt verschwunden; die müssen sich die Hörer selbst ausmalen. Und sie tun es auch, immer öfter. So genannte Audioerotik in Form pornografischer Hörspiele ist das jüngste florierende Segment im seit Jahren boomenden Audiobook-Business. Erotische Abenteuer zum Anhören, bestätigt auch Christine Höger, Sprecherin des Online-Versandhauses amazon.de, verkaufen sich derzeit besonders gut: "Wir erwarten, dass sich dieser Trend©auf dem Hörbuch-Markt fortsetzen wird." Seit etwa einem Jahr schaffen es regelmäßig bis zu sieben einschlägige Titel unter die Top-100-Hörbücher.

"Vor zwei Jahren war in diesem Bereich gar nichts los", sagt der Vorarlberger Jungunternehmer Markus Baur. "Durch Zufall" verschlug es den BWL-Absolventen im Sommer 2003 in die Audiosexbranche. Während einer Autofahrt mit seiner Freundin griff er in der Schmuddelecke eines Tankstellen-Kiosks zu und las der Lenkerin auf der Weiterfahrt Geschichten aus einem Pornomagazin vor. Als sie einen Lkw überholte, kam ihr die entscheidende Idee: "Das wäre doch was für Fernfahrer."

Mittlerweile hat Baurs Media Verlag jeweils einige tausend CDs einer dreiteiligen Porno-Hörspielreihe unter dem Label "audioporn" verkauft. Damit ist er ein Player im wachsenden Audioerotik-Segment, in dem es mittlerweile auch ein eigens für Frauen konzipiertes Label namens "Just4women" gibt. Brandneu auf dem Trittbrett des beschleunigenden Pornohörspiel-Zuges: das erste homosexuelle Audio-Abenteuer "Unerhört geil" aus dem Berliner Schwulenverlag Bruno Gmünder. Lektor Rainer Marek sieht den Erfolg der Tonträger vor allem darin, "dass sie die Fantasie weniger einschränken als ein visueller Porno".

Vor allem aber: Porn is chic - und unter diesem Motto längst im Mainstream gelandet. Das zeigt sich auch daran, dass keiner der neuen Hörbuch-Produzenten aus der Pornobranche kommt. Die Basis von Baurs Konzept bildete beispielsweise eine von Freunden verfasste Diplomarbeit über Pornografie, Virtualität und Mediendesign an der Fachhochschule Vorarlberg. Im Mittelpunkt der Hörspielreihe "audioporn" steht die chronisch willige Kunstfigur Jessy, deren reale Existenz mit Website und Chat-Forum suggeriert wird; die recht konventionellen Pornogeschichten stammen von einem schwulen Werbetexter aus Wien. Im Studio kommen professionelle Sprecherinnen und Sprecher zum Einsatz.

Auf diesem Niveau arbeiten auch die Produzenten der auf Frauen zugeschnittenen Hörspielreihe "Just4women". Im Zentrum der mittlerweile sechsteiligen Serie stehen vier zeitgenössische Frauen, und wer dabei an "Sex and the City" denkt, liegt keineswegs falsch. Laut "Just4women"-Produzent Ingo Gregus wurde sein Kölner Verlag bei der Konzeption der erotischen Abenteuer vom Erfolg der TV-Serie überholt. "Aber da, wo die ohnehin schon deutliche Serie aufhört, bleiben wir mit dem Ton drauf." 7000- bis 9000-mal verkauft sich jede der Episoden im Schnitt, sagt Gregus. Um als Männerverlag mit Erotik für Frauen nicht kläglich zu scheitern, beschäftigt er eine Autorin und eine "Fokusgruppe" von 30 jüngeren Frauen aus ganz Deutschland. Sie erhalten - über codierte Links im Internet - Dateien mit Storyinhalten, gecasteten Stimmen und geplantem erotischem Vokabular zur Beurteilung. "Die haben uns zunächst richtig zerrissen", erinnert sich Gregus. Auch AndrØ Alpar, Produzent der seit 2004 laufenden Reihe "Audioerotika" im Darmstädter flexible literature Verlag, sagt, er habe die erste Produktion im Vorjahr einstampfen lassen: Sie sei einfach noch nicht gut genug gewesen.

Mittlerweile ist Alpar zumindest auf technischem Sektor der Branchenpionier. Seine Sexserie nutzt das Download-Medium MP3 am professionellsten. Aber nicht nur er hat bereits das Handy im Visier. Doch die Mobilfunkgesellschaften zu erobern sei "ein zäher Prozess". Produzent Gregus wäre sogar bereit, entschärfte Versionen zum Download aufs Handy anzubieten: "Mit erotischen Dingen tun die sich aber noch schwer." Dabei weiß der Vorarlberger Baur, dass in der total mobilen Verfügbarkeit die wahre Zukunft der Branche liegt, und will mit aufs Handy downloadbarem Stöhnen "einer der Ersten" sein: "Sex ist etwas, was man sehr oft sofort haben will."

Klaus Kamolz