Wolferls Sauglockengeläute
Festspiele-Magazin Nr.1/06
Seine Ausdrucksweise war deftig, sein Humor derb. Alles Wahnsinn, oder was? Fragt Klaus Kamolz

Illustration: Karin Dreher
Sie war ein unscheinbares Mädchen, und glaubt man einer Bleistiftzeichnung aus dem Jahr 1777, nicht einmal besonders hübsch: zu große Nase, zu kleiner Mund, der Augenabstand beinahe grotesk weit. Wolfgang Mozart aber mochte seine Cousine Anna Maria Thekla Mozart, das Bäsle. Er fand sie "schön, vernünftig, lieb, geschickt und lustig"; "wir zwey", schrieb er seinem Vater Leopold, "taugen recht zusammen." Hatten sie etwas miteinander? Schon möglich.

Neun Briefe schrieb er ihr im Alter von 21 Jahren: Texte, in denen Wolfgang Mozarts eigentümliche literarische Begabung einen fulminanten Höhepunkt erreichte, was seither Legionen von Psychiatern, Neurologen und allen möglichen anderen Medizinern beschäftigte.

"Mein arsch brennt mich wie feüer", heißt es da. Oder: "Verzeihen sie mir meine schlechte schrift, die feder ist schon alt, ich scheisse schon wircklich bald 22 jahr aus dem nemlichen loch". Dann wieder prasselt ein verbales Stakkato auf das Bäsle ein: "dreck! - dreck! - o dreck! - o süsses wort! - dreck! - schmeck! - auch schön! - dreck, schmeck! - dreck! leck! - o charmante!" Und amüsiert berichtet Mozart seiner vertrauten Verwandten von einer "trauerigen geschichte", die ihm eben widerfahren sei: Er schrieb gerade seinen Brief, da fing es um ihn herum zu stinken an: "ich schmecke so was angebrandtes", lange wusste er nicht, woher es kam, und "endlich sagt meine Mama zu mir: was wette ich, du hast einen gehen lassen?" Er stritt es ab, doch dann machte er die Probe: "thue den ersten Finger im arsch, und dann zur Nase, und - Ecce provatum est; die Mama hatte recht."

An vielen anderen Stellen äußert sich Mozart mindestens so deftig; sich mittels derbem analen Humor auszudrücken, das wird bei der Lektüre ganz offenbar, bereitet ihm Spaß. Aber das ist noch weit mehr als dieser berüchtigte Fäkalhumor, und auch nicht nur in den Bäsle-Briefen: Wortwiederholungen und -verdrehungen, opulente Lautmalereien und Sprachspiele mit eingestreuten Dialektsentenzen zwischen deutschen, französischen und italienischen Passagen prägen Mozarts gesamte Korrespondenz. Unbändige Lust an wenig sublimem Humor, ortet der Mozartbiograph Wolfgang Hildesheimer in den Texten; sie bilden für ihn, "zumal bei oberflächlicher Lektüre, ein Bild eigentümlicher Infantilität".

Alles in allem: genug, um das Genie eingehend psychopathologisch zu erfassen, genug, um über Wissenschaftergenerationen hinweg die Frage zu erörtern, ob das Genie wahnsinnig war oder zumindest nicht ganz richtig tickte. Die abenteuerlichste These: Mozart litt am Tourette-Syndrom, einer Nervenkrankheit, die sich in all jenen hektischen Verhaltenauffälligkeiten manifestiert, die auch Mozart zugeschrieben werden - und darüber hinaus in unkontrollierbaren Anfällen von Koprolalie, dem zwanghaften Drang zur obszönen Sprache. 29mal "Scheiße", 24mal "Arsch", 17mal "Mist" und sechsmal "Furz" - für den kalifornischen Endokrinologen Benjamin Simkin, der genau nachgezählt hat, ist das Anfang der neunziger Jahre genug für eine posthume Tourette-Diagnose.

Simkins Thesen jedoch beruhen auf dem immer noch kursierenden Irrtum, Mozart habe mit seinen verbalen Ausbrüchen den sittlichen Bogen des Rokoko haltlos überspannt. Doch die versiertesten Mozartkenner des 20. Jahrhunderts haben die Korrespondenz des Komponisten schon lange mit den umgangssprachlichen Gepflogenheiten des Alltags abgeglichen. Ganz unwissenschaftlich formuliert es der Dirigent Nikolaus Harnoncourt: "Ich bin mir sicher, dass die Tischunterhaltung von Maria Theresia mit ihren Kindern und ihrem Mann bis heute nicht druckreif wäre". So habe sich der "ganz normale Umgangston seiner Zeit" eben angehört.

Gerade Mozarts Familie hatte, so Hildesheimer, "einen besonders starken Drang zur Fäkalkomik"; das Genie war also diesbezüglich nicht allein. In einem ausführlichen Essay über Mozarts humoristischen Gebrauch analer Umgangssprache weist Wolfgang Mieder, Sprach- und Folklorewissenschafter der Universität Vermont, denn auch darauf hin, dass sogar Wolfgangs Mutter in Briefen von der Formulierung "Scheiss ins Bett, dass`s kracht", die der Sohn nicht nur in seinem berühmten "Bona nox"-Kanon verwendet hat, Gebrauch macht. Und Mozarts Vater Leopold kommentiert in seinen Briefen detailliert die stoffwechselbezogene Entwicklung des Enkels Leopold, Sohn seiner Tochter Nannerl. "Der Leopold", schreibt er, "hat der Nandl ins gesicht gepisst"; er sei "lustig und wohl auf, isst, scheist und bruntzt fürs Vatterland".

Aber wenn Mozarts Briefton wegen solchen familiären Gepflogenheiten nicht pathologisch ist, was bedeuten die doch ungewöhnlichen Texte dann? Mozart, meint Harnoncourt, sei mit seinen Kompositionen "an den Grund seines Seins gestoßen", da sei es "gut vorstellbar, dass er seinen Trieb beim Schreiben befriedigte". Und gerade weil auch beim Schreiben seine Genialität aufblitzte - in Wortflüssen und verbalen Räuschen, in elementaren Ausbrüchen, die gleichzeitig aber doch ganz und gar beherrschte artifizielle Text sind, wie Hildesheimer schreibt - sei er eben ein Jahrtausendgenie.

Dass Mozart aufgrund der von ihm überlieferten Texte kein Fall für die klinische Psychopathologie zu sein scheint, hat selbst Sigmund Freud, der Vater der Psychoanalyse, irgendwie gespürt. Im Juni 1931 schickt ihm der befreundete Schriftsteller Stefan Zweig einen Privatdruck der Bäsle-Briefe. Die neun Schreiben, so Zweig, "werfen ein psychologisch sehr merkwürdiges Licht auf seine Erotik, die stärker als die irgend eines anderen bedeutenden Menschen, Infantilismus und leidenschaftliche Koprolalie zeigt". Die Briefe wären doch "einen interessante Studie für einen ihrer Schüler".

Freud bleibt gelassen. Dass Mozart das "Sauglockengeläute" - damit bezieht sich der Analytiker auf eine um 1895 publizierte Sammlung derb-erotischer Lieder und Texte - liebte und pflegte, sei ihm, schreibt er zurück, "ich weiß nicht woher, bekannt". Und dann sagt Freud etwas ziemlich Verblüffendes: "In mehreren Analysen mit Musikern ist mir deren besonderes, in die Kindheit zurückreichendes Interesse für die Geräusche, die man mit dem Darm macht, aufgefallen. Ob man das nur als Spezialfall des allgemeinen Interesses für die Tonwelt betrachten darf, oder ob man annehmen soll, in die (uns unbekannte) Begabung für Musik gehe eine starke anale Komponente ein, lasse ich unentschieden."